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30 Jahre danach: Der Schiffbruch der Logos

January 16, 2018

Sechseinhalb Millionen Menschen hatte das erste Schiff von OM in 17 Jahren an Bord begrüßt. Die Logos hatte in 108 Ländern angelegt und war zum ersten Mal in Lateinamerika unterwegs. Am 4. Januar 1988 hatte sie von Ushuaia in Argentinien abgelegt, einer Stadt, die so weit im Süden liegt, dass sie den Spitznamen „das Ende der Welt“ trägt. Sie liegt am Beagle-Kanal, einer Meerenge zwischen Argentinien und Chile. Diese gefährliche Meerenge ist mit kleinen Inseln und Felsen übersäht. Die Logos wurde in einer stürmischen Nacht von einem argentinischen Lotsen aus dem Hafen geführt, der von Bord ging, bevor das Schiff es sicher durch den Kanal geschafft hatte. Es dauerte seine Zeit, bis der Lotse bei dem rauen Seegang über eine Strickleiter in sein Lotsenboot gelangte. Dazu musste die Logos ihre Fahrt verlangsamen und driftete ab. Als sie wieder Fahrt aufnahm, um den Kurs zu korrigieren, lief sie auf eine unterirdische Felsenbank auf.

Es war kurz vor Mitternacht. Das laute Knirschen und der Ruck, der durchs ganze Schiff ging, weckte die Mannschaft. Manche dachten, etwas sei explodiert. Die Schiffsgemeinschaft sammelte sich im Speisesaal, wurden informiert und gebeten, ruhig zu bleiben. Sie beteten. Die acht Kinder durften zurück ins Bett, jedoch warm angezogen und mit Rettungswesten neben den Betten. Versuche, im Rückwärtsgang wieder vom Felsen herunterzukommen, waren genauso erfolglos wie das Umschichten der Last und die Gewichtsreduzierung durch das Auspumpen der Seewasser-Tanks. Der Kapitän entschied, noch ein paar Stunden zu warten. Vielleicht würde die Flut die Logos wieder vom Felsen heben.

Das Warten brachte zweifellos etwas Gutes: das Tageslicht. Doch damit wurde auch klar, dass das Schiff an drei Orten auf Felsspitzen aufgespießt war. Da sie nach dem Ablassen des Ballastes jetzt leichter war, schlingerte sie mehr. Mit jeder Welle wurde die Logos hochgehoben und knallte dann wieder auf die Felsen zurück. Die Schiffshülle gab nach. Wasser kam durch die Risse und drang ins Bücherlager ein. Es dauerte nicht lange, bis die Logos sich durch das hereinströmende Wasser gewaltig nach Backbord neigte. Alle 141 Personen stellten sich auf die Steuerbord-Seite doch das reichte nicht zum Aufrichten des Schiffes. Um 5 Uhr gab der Kapitän den Befehl: „Alle Mann von Bord!“

„Es war furchteinflößend, aber ich hatte trotzdem Frieden“, sagte Kathy Coy aus den USA. „Ich weiß, dass wir nur durch Gottes Gnade ruhig geblieben sind.“ Mehrere Berichte bestätigen, dass noch nicht einmal die Kinder unruhig waren. Darunter war ein sechs Wochen altes Baby. Judith Fredricsen aus Neuseeland lag mit einem gebrochenen Bein im Gips in der Krankenstation. Sie erinnert sich daran, wie alle zusammenhalfen und sie nach draußen brachten.

Dann hatte die Logos eine Schieflage von 20 Grad erreicht. Die Leute schlidderten über das Deck, während sie sich im eiskalten Regen zu den Rettungsbooten vorarbeiteten. Das Herunterlassen der Rettungsboote war in diesem Winkel schwierig und gefährlich: In den Schulungen warnt man Seeleute, dass sie mit Todesfällen rechnen müssen, wenn sie das Herunterlassen bei einer stärkeren Neigung als 15 Grad wagen. Ein Rettungsboot blieb stecken, doch die Männer konnten es mit einer Muskelkraft herunterheben, die sie sich nicht erklären konnten.

Die chilenische Marine kam zur Hilfe. Sie wurde Zeuge, unter welchen Umständen das Schiff evakuiert wurde, und nannten es „ein Wunder“, dass alle ohne Verletzungen sicher von Bord kamen. Die 141 Personen vom Schiff aus den 6 Rettungsbooten wurden rasch von der Marine an Bord genommen. Das ging so schnell, dass ein Schiffsmitarbeiter meinte, sie hätten noch nicht einmal eine Mahlzeit ausgelassen.

Aber sie hatten ihre ganze Habe verloren. Die Wertsachen, die sie rasch aus ihren Kabinen geholt hatten – Bibeln und Kameras – mussten sie im letzten Moment auf den Tischen im Speisesaal liegen lassen. Unversicherte Fracht und Güter im Wert von 700 000 US-Dollar wurden zurückgelassen, um das zu retten, was wirklich zählte.

Der Koordinator von OM Ships, Dale Rhoton, schrieb später: „Der Gedanke, der mich in den Tagen um den Schiffbruch bei Verstand hielt, war: „Die Wertsachen sind sicher! Nicht einer der 141 wirklich Wertvollen wurde auch nur verletzt. Menschen die sich mit Rettungsaktionen unter vergleichbaren Umständen auskannten, staunten nur. Wir senkten den Kopf und priesen Gott.“

Als sie von den Marineschiffen zurückblickten, die sie gerettet hatten, und noch kaum erfassten, was geschehen war, sahen die noch fassungslosen Missionare einen Regenbogen. Gottes zeitloses Symbol der Verheißung und Bewahrung leuchtete am Himmel und strahlte auf die Logos hinab.

Sie hatten noch einen weiten Weg vor sich, aber sobald die Mannschaft der Logos an Land war, machte jeder eine Liste von allem, was er auf seinem schwimmenden Zuhause zurückgelassen hatte – und einige hatten mehrere Jahre dort verbracht. Gemeinsam verbrannten sie die Listen und gaben ihren Verlust Gott im Vertrauen auf dessen Pläne für sie.

Christen in Punta Arenas in Chile, wo das Schiff gerade erst Weihnachten gefeiert hatte, kümmerten sich um die Schiffsbrüchigen und versorgten sie mit Essen, Kleidung und Behelfsunterkünften.

In der Zentrale in Deutschland in Mosbach lief gerade die Neueinsteigerkonferenz von OM. Dale Rhoton hielt am Morgen des 5. Januar die Bibelarbeit für die Neueinsteiger. Er sprach über einen Abschnitt aus den Klageliedern, in denen Jeremia sich an Gottes große Treue erinnerte, obwohl die heilige Stadt Jerusalem zerstört worden war. Dale sagte, dass OM noch keine wirkliche Tragödie durchlebt habe, wie die, in der Jeremia Gott weiter vertraute. Bis zum Mittagessen hatte der Abschnitt eine neue Bedeutung für Dale, denn per Telefonanruf erreichte ihn die Nachricht aus Südamerika. Den Neueinsteigern wurde gesagt, dass es keine Logos mehr gab, auf der sie mitarbeiten konnten.

Der Verlust des Schiffes wurde auf der ganzen Welt bekannt. Aus allen Richtungen kam Unterstützung an. Telegramme und Briefe an die OM-Büros drückten Mitgefühl aus und boten Hilfe an. Es kamen Briefe von Regierungen, von bekannten Persönlichkeiten wie dem Evangelisten Billy Graham, von Kindern im Kindergottesdienst, Schiffsmaklern und Buchverlagen. Das Kielwasser des Schiffes warf an vielen Orten Wellen auf. Die Schiffsarbeit hatte einen festen Platz in vielen Herzen auf der ganzen Welt.

Spenden kamen herein für die akuten Bedürfnisse der Mannschaft der Logos und für Flüge zurück nachhause oder zu anderen Missionseinsätzen. Teams reisten in Lateinamerika ins Landesinnere und mobilisierten die Gemeinden in Chile, zu denen sie in den Monaten zuvor Beziehungen aufgebaut hatten, und in Argentinien, wo die nächsten Besuche geplant waren. Ein Teil der Mannschaft ging auf das Schwesternschiff Doulos in Asien.

Ein weiteres Missionsschiff war das Krankenhausschiff Anastasis von Jugend mit einer Mission. Von diesem Schiff bekam der OM-Gründer George Verwer ein Fax, das erklärte, sie hätten ein Gebetstreffen einberufen und würden eine Kollekte einsammeln. Missionare auf Spendenbasis spendeten für andere Missionare auf Spendenbasis in Not. „Ihr könnt mit 3000 US-Dollar rechnen. Wie lassen wir sie euch zukommen?“ Die Mannschaft des ersten Mercy-Schiffs erinnerte OM Ships an einen Schiffbruch in der Bibel, bei dem das Schiff des Apostels Paulus auf Grund läuft. Obwohl das Schiff verloren ist, bewahrt Gott jedes Haar auf jedem Haupt. „Apostelgeschichte 27 – kein Leben verloren – zum Guten gewendet. Wir gehe den ganzen Weg mit euch in Jesu Namen“, endete das Fax.

Geschwisterkinder, die im US-Bundesstaat Georgia zuhause unterrichtet wurden, hatten Mission durchgenommen und ihr Taschengeld dafür aufgespart. Ihre 13 Dollar und 17 Cent waren eine der ersten Spenden, die im US-Büro von OM eingingen. Die Kinder schrieben, dass es nicht für ein Schiff reichen würde, aber immerhin ein Anfang sei.

Mehr Geld kam herein. Es wurde deutlich, dass der erste Gedanke der Spender ein neues Schiff war. Innerhalb von acht Wochen, wurden 1,4 Millionen Dollar gespendet. Partner im Evanglium aus der ganzen Welt setzten sich ganz klar für eine Logos II ein.

Ein christliches Werk in Nigeria schrieb über ein altes Sprichwort bei ihnen, in dem das Abbrennen des Palastes eines Häuptlings so gedeutet wird, dass ein besserer und modernerer gebaut werden soll. Der Brief besagte: „Wir beten ernstlich dafür, dass dies auch für die Logos zutrifft.“ Ein Spendenaufruf für Renovierungen am Schiff war bereits gestartet worden, da der Platz auf dem Schiff für die Besucheraktivitäten zu klein geworden war. Ein neues Schiff konnte dieses Problem sicher lösen.

Praktisch veranlagte Partner aus Japan schickten 25 000 Dollar und sahen sich in den Werften nach passenden Schiffen um. In Barbados trugen alle Kirchen an einem bestimmten Sonntag ihre Kollekten für uns zusammen. Brasilianer verkauften Wertsachen, einschließlich Schmuck und einer Gefriertruhe. Venezuelaner spendeten Kühe für ein Grillfest, bei dem Spenden gesammelt wurden.

Diese weit gestreuten Reaktionen sprachen Menschen in aller Welt an. Ein amerikanischer Pastor staunte: „Ich erlebe hier vielleicht zum ersten Mal mit, dass Gottes Leute auf jedem Kontinent sich gemeinsam für eine Notlage einsetzen.“

Dale Rhoton schrieb den Partnern drei Wochen später: „Das letzte Video, das von der Logos gedreht wurde, trug den Titel: „Die Logos, das sind Menschen“. Das glauben wir wirklich. Brüder und Schwestern, wir haben nicht unseren Auftrag verloren. Wir haben ein Werkzeug verloren. Menschen kann man nicht ersetzen. Unseren Auftrag gibt uns nur Gott. Werkzeuge sind da, damit wir sie gebrauchen und dann ersetzen… Die Logos ist nicht in einem Hafen durchgerostet. Sie fiel im Kampf. Unser Plan lautet: VOLLE KRAFT VORAUS!“

Die Logos ist nie gesunken. Sie bleibt auf dem Felsen wie ein Leuchtturm, der andere Schiffe vor der Gefahr warnt. Das Schwesternschiff Doulos und der Logos-Nachfolger Logos II wurden aus dem aktiven Dienst genommen, aber die ursprüngliche Logos predigt jetzt seit drei Jahrzehnten weiter eine Botschaft bis ans Ende der Welt.